Exposé für die Gesamtausstellung

„… was Sie zu wissen glauben wollen“

»„Zigeuner“-Bilder«  Ursachen – Funktionen – Folgen - Wirkungen



Ausgangsüberlegung
Ausgehend von der Vorstellung,
1. dass Vorurteile zum menschlichen Leben gehören,
2. dass Vorurteile dem Individuum, der Gruppen, ggf. einer Gesellschaft Vorteile und Sicherheit bieten (Nutzen),
3. dass Vorurteile gegen Individuen und Gruppen, oft Minderheiten, für diese in der Regel Nachteile, Ausgrenzung oder gar Verfolgung bewirken,
4. dass Vorurteile eingesetzt werden können, um bestimmte Vorstellungen, Maßnahmen oder auch Gesetze durchzusetzen (Funktion),
5. dass Vorurteile damit gesellschaftlichen Wirkungen haben,
sollen die im Laufe von Jahrhunderten geschaffenen und entstandenen Vorurteile gegen Sinti und Roma, die als „Zigeuner“-Bilder auftauchen im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang der europäischen bzw. deutschen Gesellschaft dargestellt, behandelt, analysiert und de-konstruiert werden.
Die Darstellung beginnt mit dem 14./15. Jahrhundert und sie endet im Heute.
Die schlimmsten Wirkungen, Auswirkungen und Folgen waren der nationalsozialistische Völkermord, der eine eigene Darstellung erfahren soll.



Methode
Die einzelnen Epochen z.B. Mittelalter werden mit einem allgemeinen Überblick eingeführt. Ohne die Vermittlung von Ausschnitten gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen sind weder Entstehung, Funktionen, Nutzen oder Wirkungen nachvollziehbar bzw. erfahrbar. Die „Zigeunerbilder“ und deren De-Konstruktion soll in einer Erzählform vermittelt bzw. aufgelöst werden. Nicht Inszenierung als Ausstellungsform wird genutzt, sondern die Erzählung, die durch die Ausstellung führt, aber dennoch vom Betrachter oder von der Betrachterin unterschiedlich erfahren werden kann.

Dauerausstellung
1. „Zigeuner“-Bilder: Entstehung, Funktionen und Wirkungen des Antiziganismus in der Geschichte bis 1933
2. „Hornhaut auf der Seele“ - Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus – Mit einzelnen thematisch zusammen gestellte Tafeln soll die Kontinuität, die Auswirkungen der „Zigeunerbilder“ auf die Sinti und Roma verdeutlichen
3. „Zigeuner“-Bilder nach 1945: Kontinuität, Präsenz und Perspektiven

Die Reflexion über das Gesehene, Gelesene und Wahrgenommene soll mittels eines Spiegels – am Ende jeder Epoche - ermöglicht werden: Die Herstellung zum Titel der Ausstellung soll stattfinden können. Falls Besucher „nur“ eine Epoche anschauen bzw. anschauen wollen, bildet diese Reflexionsmöglichkeit einen Abschluss, aber auch eine Weiterführung zur nächsten Epoche. Zum Beispiel könnte im Spiegel stehen: „Ich sehe, was ich sehen will …“ oder „Bild oder Wirklichkeit“

Hierbei gilt es auch die Zahl der Perspektiven zu vergrößern bzw., wo immer es geht, multiperspektivisch die historischen Entwicklungen darzustellen. Damit soll aber keiner Beliebigkeit Vorschub geleistet werden! An der Orientierung auf die „Menschenrechte“ wird sich nichts ändern.



Zu 1.
„Zigeuner“-Bilder: Entstehung, Funktionen und Wirkungen des Antiziganismus in der Geschichte bis 1933
Im ersten Teil der Ausstellung gilt es, die „Zigeuner“-Bilder zu benennen (darzustellen) und in den historischen Zusammenhang zu stellen. Dies geht nur exemplarisch. An Bruchstellen der historischen Entwicklung gibt es durchaus unterschiedliche Bilder, wie auch gleichzeitig die Bilder unterschiedliche Funktionen haben und unterschiedliche Wirkungen zeigen.
Beispielhaft sind hier zu nennen:
 Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, in einer Krisen- und Bedrohungssituation für Obrigkeiten und Herrschaften: Stichworte „Schwarzer Tod“, Angst, Unsicherheit als allgemeines Gefühl, die „kleine Eiszeit“, Bedrohung durch die Osmanen, Neuorientierung in den Wissenschaften (mit Möglichkeiten der Verbreitung des Wissen durch massenhaften Buchdruck), Entdeckungen und Reformation.
 Stabilisierungsphase der Herrschaften zu Flächenstaaten während des Absolutismus, währenddessen die „Ordnung“ und „Unterordnung“ wesentlicher Bestandteil der Herrschaft werden. Das beinhaltet, dass Abweichungen, vermutete und unterstellte Abweichungen bekämpft werden. Ergänzt wird in diesem Zeitraum das Wissen um die vermeintliche Wertigkeit von Menschengruppen, was als Beginn des angeblich wissenschaftlich begründeten Rassismus gelten kann.
 Die Schaffung der auf individueller Selbstbestimmung begründeten Nationalstaaten seit der Französischen Revolution nimmt zum Teil des Idee von der unterschiedlichen Wertigkeit der Völker aus; manche Gruppen werden nicht nur in Deutschland von Ideologen, zum Teil von Politikern aus der Volks als „Fremde“, „Zugewanderte“ oder „Andersartige“ ausgeschlossen. Hier muss letztlich auch deutlich werden, dass der Systemwechsel von autoritärer Monarchie zur demokratischen Republik keinen Wechsel der „Zigeuner“-Bilder bewirkte.
Kontinuität der Bilder und Brüche in der Geschichte mit veränderten Bildern müssen für den Betrachter erkennbar werden, so dass kognitiv – über das Sehen und Erkennen - das eigene Bild schwankt. Zu überlegen sind emotionalisierende Elemente, die nur sparsam eingesetzt werden sollen, da sie sich oft nach einmaliger Betrachtung „verbrauchen“. (s. oben Punkt Dauerausstellung)
Die Form der Darstellung wird hierbei stark von den Räumlichkeiten mitbestimmt sein.
Die Darstellung und De-Konstruktion der Bilder ist unabdingbare Voraussetzung, um das Verhalten vieler Menschen der Nicht-Sinti/ -Roma gegenüber Sinti und Roma zu verstehen und damit auch infrage zu stellen.


Zu 2.
„Hornhaut auf der Seele“ - Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus
Die Ausstellung „Hornhaut auf der Seele“ umfasst zur Zeit 60 großformatige Tafeln, von denen sich 35 auf den Nationalsozialismus beziehen. Dazu kommen noch die Tafeln mit den Namen der Verfolgten in Hessen.
Für den Lokalen Aktionsplan Wiesbaden und den Lokalen Aktionsplan Darmstadt wurden weitere 12 Tafeln (für die mobile Ausstellung) gestaltet, aber nicht in Großformat gedruckt. Ein Teil dieser Tafel, u.a. mit dem Schnellbrief zur Deportation 1943, mit den Dokumenten zur Festschreibung und zum Ausschluss aus der Gesellschaft sollten hier in die Dauerausstellung integriert werden, müssten entsprechend gestaltet (angepasst) und gedruckt werden.
 Audio- bzw. Videostation mit Hörstucken, mit Filmen etc.
 Präsentationen.
I

Zu 3.
„Zigeuner“-Bilder nach 1945: Kontinuität, Präsenz und Perspektiven
Auf Tafeln und anderen Medien werden im drei Abschnitt bzw. dritten Beispiele für „Zigeuner“-Bilder aus der Zeit nach 1945 dargestellt und als langlebige Konstruktion beschrieben und den Ansprüchen einer demokratischen, bürger-und menschenrechtsorientierten Verfassungsnorm gegenübergestellt.
Die Bereiche sind:
 Nachkriegsgeschichte und Geschichte Deutschlands mit Ausblick auf Europa (EU)
 Politik
 Entschädigung
 Medien
 Alltag
Vorarbeiten, Grundlagen und notwendige Ergänzungen (Stand: Ende 2012)

Arbeitsergebnisse 2012
1. Überblick
Umbruchsituationen der mitteleuropäischen Gesellschaften und die möglichen Wirkungen auf die Sinti und Roma
Udo Engbring-Romang/Josef Behringer/Vera Behringer

2. Ausarbeitungen
a) „Zigeuner“-Bilder in der Politik (Bundestag u. Landtag)
Moritz Romang

b) Ordnungspolitik, Sozialarbeit + Kirche nach 1945
Udo Engbring-Romang

c) Entschädigung und Entschädigungsverfahren
Josef Behringer

d) Presse und Medien seit 1950er Jahren
Margit Romang

Die Ergebnisse sind in einer Mappe mit den 4 Bereichen als (noch) nicht zu veröffentlichende Broschüre mit ca. 100 Seiten (plus Faksimiles) zusammengestellt.
Das Material sollte noch mit Darstellungen
 zur Literatur,
 zur Musik,
 zum Alltag und vor allem
 zu Film und Fernsehen
ergänzt werden.
Mit den Arbeiten zum fiktionalen Film ist schon 2011 begonnen worden bzw. liegt schon vor.

Präsentation: Trilogie – hörGeschichte (Reinhold Keiner)
- „Wer hat denn 1933 schon an Auschwitz gedacht“ + „Wir haben doch nichts getan“. Alltag und Diskriminierung im NS-Staat
- „Wir haben doch nichts getan!“ – Festsetzung, Flucht und Deportation
- „Wir waren weniger als ein Tier“ – Auschwitz und andere Lager

Zu den Vorarbeiten gehören auch die verschiedenen eigenen Publikationen seit den 1990er Jahre und nicht zuletzt auch die Medienboxen mit ihren Materialien und Filmen!