Ausstellung:
Hornhaut auf der Seele - Die Geschichte zur Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen

In der FAZ vom 9. März 2006 hieß es anlässlich der Ausstellungseröffnung am 7.3.2006 in Hanau

„Ich habe eine Hornhaut auf der Seele“

Ausstellung dokumentiert die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen

„Fast 70 Prozent der Deutschen möchten Sinti oder Roma nicht als Nachbarn haben. 37 Prozent würden sogar die Ausweisung  aus dem Land befürworten. [...]

Die hessischen Städte rissen sich nicht gerade um das Thema Sinti und Roma, bemerkte einer der Organisatoren am Dienstagabend bei der Ausstellungseröffnung. [...]

Diese [Ausstellung] beschränkt sich nicht auf die Verfolgungen und Morde im Nationalsozialismus, sondern spannt den Bogen weit zurück in die Geschichte bis zur urkundlichen Ersterwähnung Anfang des 15. Jahrhunderts. Sie beschreibt die Idee der „Beseitigung der Zigeuner“ im Namen der Aufklärung im 18. Jahrhundert und die „Ausgrenzungen durch Polizeiverordnungen“ im 19. Jahrhundert. Unter der Überschrift „Kunst und Kitsch“ wird auch die Stilisierung der „Zigeuner“ zu „edlen Wilden“ im 18. Jahrhundert nicht ausgespart, gleiches gilt für ihre Dämonisierung und Romantisierung im Zusammenhang mit Wahrsagerei und Hexenkunst. Den Schwerpunkt bildet die Eskalation der Diskriminierung im Nationalsozialismus.“ [...] 

Hessische Sinti und Roma berichten über ihren Leidensweg

Viele dieser mittlerweile hochbetagten Zeitzeugen begegnet man in der Ausstellung in Form von persönlichen Fotografien und in Zitaten wieder. Der Titel entstammt den Erinnerung von Hermann Langbein. [...] Er berichtet: „Hier war es am schlimmsten. Beim Verlassen der Baracke sah ich einen ganzen Berg von Leichen. Ich habe eine Hornhaut auf der Seele bekommen.“

Dünnhäutig konnten die Sinti und Roma auch nicht sein, als das Grauen des Nationalsozialismus vorbei war. Denn in der Nachkriegszeit wurden sie nicht als rassisch Verfolgte anerkannt und waren nach wie vor Diskriminierungen ausgesetzt, wie der Ausstellung zu entnehmen ist.“
      

Aus einem Zeitungsartikel zur Ausstellung in Darmstadt (FRE)

10. Mai 2004 Hornhaut auf der Seele - Ausstellung über Antiziganismus und die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma im Staatstheater / Stadt plant Dokumentationszentrum [...]

Noch bis zum 26. Mai ist die Wanderausstellung „Hornhaut auf der Seele“ im Staatstheater Darmstadt zu sehen: dokumentiert wird die lange, jahrhundertlange Verfolgungs- und Diskriminierungsgeschichte wider die Sinti und Roma. Oberbürgermeister Peter Benz sagte zur Eröffnung: „Die Ausstellung zeigt, wohin Vorurteile führen: in die totale Entmenschlichung, Barbarei und die Zerstörung der liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie.“ Autor der 60 Infotafeln umfassenden Schau ist der Historiker Udo Engbring-Romang. Vom 27. Mai an wird die Ausstellung „Hornhaut auf der Seele“ an vier Darmstädter Schulen gezeigt: an der Heinrich-Emmanuel-Merck-Schule, der Stadtteilschule Arheilgen, der Brecht-Schule und der Mornewegschule.

Die Ausstellung im oberen Foyer des Staatstheaters zeigt am Beispiel der Sinti und Roma, was Ressentiments und Stereotypen bewirken können: Stigmatisierung, soziale Ausgrenzung und am Ende die Ermordung von Frauen, Männern und Kindern. So nimmt die Ausstellung nicht nur den Holocaust an den Sinti und Roma unter den Nazis in den Blick, sondern auch die 600 Jahre währende Vorgeschichte: deren Vorfahren wanderten, aus Indien kommend, im 15. Jahrhundert nach Deutschland ein. „Der Holocaust an den Sinti und Roma gehört den am wenigsten bekannten Verbrechen des NS-Regimes“, sagte Darmstadts Oberbürgermeister Peter Benz anlässlich der Vernissage. Etwa eine halbe Million Sinti und Roma fanden unter den Nazis den Tod. Und doch wurde dieser nationalsozialistische Völkermord jahrzehntelang aus dem öffentlichen Bewusstsein der Deutschen verdrängt. Auch in Darmstadt lebten Sinti-Familien, die bis 1933 in den Alltag der Stadt integriert waren. Mit dem Beginn der NS-Herrschaft wurde diese Normalität des Zusammenlebens systematisch zerstört. Auf der Grundlage der wahnwitzigen NS-Rassenideologie wurden Sinti und Roma schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Höhepunkt nationalsozialistischer Verfolgung war Himmlers Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942, der schriftliche Befehl an das Reichssicherheitshauptamt, alle noch verbliebenen Sinti im Deutschen Reich ins Todeslager Auschwitz zu schicken. Die Opfer kamen auch und gerade aus Darmstadt: so zum Beispiel das Ehepaar Lisetta und Anton Rose, die in Darmstadt ein Lichtspieltheater betrieben. 1937 zwang man sie aus „rassischen Gründen“, ihr Kino aufzugeben und erteilte ihnen Berufsverbot. Anton Rose wurde in Auschwitz ermordet, seine Frau starb später im Frauenlager Ravensbrück an Entkräftung. Ebenso wie die Juden wurden Sinti und Roma vom Säugling bis zum Greis erfasst, gettoisiert und am Ende in die Todeslager verbracht. Tausende von Sklavenarbeitern wurden von der SS bei der Arbeit misshandelt, erschlagen, erhängt und erschossen. Ein besonders dunkles Kapitel stellen die Zwangssterilisationen und pseudowissenschaftliche, grausame Experimente dar.

Schon 1938 hatte sich die Darmstädter Polizei an den berüchtigten Sonderaktionen zwecks Verschleppung in Konzentrationslager aktiv beteiligt. Bereits im März 1938 stellte der Darmstädter Werner Best, als Leiter des Büros der Gestapo im Reichsinnenministerium und Stellvertreter Heydrichs einer der führenden Köpfe der willigen NS-Vollstrecker, die Weichen für die Deportationen und sprach sich – so wörtlich – für die „Endgültige Lösung der Zigeunerfrage nach rassischem Gesichtspunkten“ aus. Best war unmittelbar an der Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt. Im berüchtigten Reichssicherheitshauptamt war Best Chef des Amtes I „Verwaltung und Recht“ und als solcher Organisator der NS-Vernichtungspolitik und oberster Rechtsberater der Gestapo. Er schaffte die Voraussetzungen für die Vernichtungspolitik der Sinti und Roma. Sein Amt war beispielsweise mit dem Amt IV zuständig für die Massentötung durch Gaswagen. Beteiligte Städte und Gemeinden konnten ihre Kosten, die bei den Deportationen der Sinti entstanden waren, beim Reichsministerium des Innern anmelden. Werner Best hatte eigens einen eigenen Haushaltstitel für die Kosten von Deportationen geöffnet. Fest steht, dass nach Himmlers Auschwitz-Erlass auch zahlreiche Sinti-Familien aus Darmstadt deportiert und in Auschwitz brutal ermordet wurden.

Die hiesige Ausstellung Hornhaut auf der Seele nennt immerhin 950 Namen der Sinti und Roma, die von den Nazis aus Hessen in die Vernichtungslager deportiert wurden. Etwa zwei Drittel der Genannten wurden ermordet. In Darmstadt erinnert seit dem März 1997 ein Mahnmal an die unter dem Nazi-Regime ermordeten Sinti und Roma: gegenüber dem Justus-Liebig-Haus schuf der Darmstädter Künstler Bernhard Meyer ein Mahnmal aus rostigem Stahl in Erinnerung an die Opfer. Es steht am Eingang der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Altstadt, wo früher Sinti-Familien als Arbeiter und Handwerker in der Großen Kapleineigasse, Bachgasse, Brandgasse und Ochsengasse wohnten. Diese toten Fenster der Vergangenheit erinnern an den 15. März 1943, als alle Sinti und Roma der Stadt von ihrer Arbeit in Fabriken und Werkstätten weggeholt, am Hauptbahnhof zusammengetrieben, in Viehwaggons gepfercht und ins sogenannte „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. OB Peter Benz nannte das Mahnmal denn auch „ein Zeichen gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“. OB Benz weiter: „Es gehört zu den Skandalen der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass auch und gerade die Täter, die den deutschen Massenmord an den europäischen Sinti und Roma verübten, nach 1945 straflos und unbehelligt blieben.“ So machte zum Beispiel der berüchtigte NS-„Zigeunerforscher“ Dr. Dr. Robert Ritter nach dem Zweiten Weltkrieg beim Magistrat der Stadt Frankfurt am Main Karriere: bis zu seinem Tod 1950 leitete er dort die städtische Fürsorgestelle für Nerven- und Gemütskranke. In der NS-Zeit hatte er maßgeblich an den Erfassung und rassistischen Stigmatisierung mit seiner Rassenhygienischen und Kriminalbiologischen Forschungsstelle mit gewirkt. Etliche dieser sogenannten „Zigeunerforscher“ berieten bis in die 1980er Jahre etwa das Bundesfamilienministerium. Noch 1956 verweigerte der Bundesgerichtshof den Sinti und Roma die Wiedergutmachung mit dem Hinweis auf deren – ich zitiere: „asozialen Eigenschaften“. Und er stellte Verfolgung und Deportation als „notwendige polizeiliche Maßnahme“ dar. Bis 1970 arbeitete die sogenannte Landfahrerzentrale in München mit den Akten der berüchtigten NS-Zigeunerzentrale. All dies wirft ein Licht auf die Kontinuitäten jener furchtbaren Juristen, die nach 1945 da weitermachten, wo sie mit brauner Robe 1933 angefangen hatten. Auch der Jurist Werner Best starb 1989, ohne je vor ein Strafgericht gestellt und für seine Verbrechen verurteilt worden zu sein. Zuvor hatte er sich sogar in der Bundesrepublik als Gutachter in NS-Prozessen betätigt, um alte Nazi-Kameraden zu entlasten. Ganz zu schweigen vom Auschwitz-Lagerarzt Dr. Joseph Mengele, der gerade „Zigeunerkinder“ grausam zu Tode quälte. Er starb 1979 unbehelligt in Brasilien.

Benz wörtlich: „Ich wünsche mir, dass vor allem junge Menschen die Ausstellung „Hornhaut auf der Seele“ hier im Staatstheater besuchen: lässt sich viel am Beispiel des Antiziganismus über die Ursache und Wirkung von Rassismus und Vorurteilen lernen. Und darüber, wie wichtig es ist, den Anfängen zu wehren: den Anfängen von Vorurteilen, Klischees und Ressentiments, die zu Stigmatisierung, Diskriminierung und am Ende zu Massenmord führen.“

Der Magistrat der Stadt Darmstadt unterstützt die Bemühungen des Landesverbands der Hessischen Sinti und Roma um die Einrichtung eines Bildungszentrums gegen Antiziganismus und Rassismus: so ist geplant, ein solches Zentrum in der Wissenschaftsstadt nach dem Vorbild des bundesweiten Heidelberger Dokumentationszentrums einzurichten. Eine Stiftung soll dabei helfen, gesucht werden noch potenten Sponsoren, so Dezernentin Daniela Wagner. So will der Magistrat Unternehmen wie Merck, Röhm oder die HSE als Mäzene gewinnen. In dem geplanten Darmstädter Zentrum gegen Antiziganismus und Rassismus soll dann auch eine Dauerausstellung zum Thema Raum finden. [...]

dafacto Copyright © 2003 Presse-und Informationsamt der Stadt Darmstadt


Bilder von der Ausstellungseröffnung in Wiesbaden, Januar 2004

  
  
 
 
   



(Fotos: Ulrike Laleik-Behringer, Udo Engbring-Romang)