Im Zusammenhang mit der Eröffnung einer Beratungsstelle für Sinti und Roma berichtete die Hersfelder Zeitung. Im Artikel „ Dialog ohne Vorurteile“ wird unter anderem der Ortsvorsteher Peter Schneider zitiert: „Das fahrende Volk kommt langsam zur Ruhe“.
Ist das die Wirklichkeit?
Die Bad Hersfelder Sinti und Roma sind Angehörige einer anerkannten nationalen Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland. Zirka 10 Prozent der Minderheit gehen nicht erst seit heute von einem festen Wohnort aus einem anerkannten Beruf, der Reisegewerbetätigkeit, nach.
Ein Beispiel aus der Geschichte zeigt, dass die oben zitierte Aussage zumindest einem Wissensdefizit geschuldet ist, vor allem einem althergebrachten Bild anhängt.
Viele Männer aus der Minderheit dienten ihrem Heimatland im I. und auch im II. Weltkrieg als Soldaten – bevor sie zwischen 1940 und 1943 als Angehörige der Minderheit ermittelt und u. a. nach Auschwitz deportiert wurden. Manche Sinti dienten freiwillig, manche wurden eingezogen. Sie leisteten ihren Wehrdienst als deutsche Staatsbürger, und obwohl sie deutsche Staatsbürger waren, wurden auch die deutschen Sinti und Roma zur „außereuropäischen Fremdrasse“ erklärt, und alle Sinti und Roma sollten ermordet werden. Ein Bild für die Zugehörigkeit „Fremdrasse" war das angebliche Nomadentum der Sinti und Roma. Aber sogar die nationalsozialistischen Rasseforscher mussten bei ihren Recherchen - fast entrüstet - feststellen, dass viele Sinti und Roma nicht diesem „Zigeunerbild“ entsprachen.
Nicht nur in unserer Ausstellung: „Hornhaut auf der Seele – Die Geschichte zur Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen“ wurde dargestellt, dass die Sinti zwar ein Teil der „Fahrenden" waren, aber schon lange nicht mehr sind. Sinti und Roma sind in ihrer Mehrheit weder „Fahrende" noch Angehörige eines fahrenden Volkes. Das Bild vom „Fahrenden, vom fahrenden Volk, von Nomaden" wird aber dennoch immer wieder bedient. Ein Beleg dafür, wie wichtig die Aufklärung ist.  JB